Freitag, 13. Juli 2012

Tremseh, Provinz Hama

Wieder ein „Blutbad regierungsnaher Truppen“, diesmal in der Provinz Hama. Nach den Angaben mehr oder weniger ungenannter Oppositioneller wurde das Städtchen Tremseh von Regierungstruppen unter Einsatz von schwerer Artillerie, Hubschraubern und Panzerfahrzeugen angegriffen, wonach „alawitische Milizen“ durch die rauchenden Trümmer gestiegen kamen und nach altbekanntem Schema ein Massaker unter der Bevölkerung angerichtet hätten. 200 Opfer, alles selbstredend friedliche Zivilisten.

Es gibt noch eine nicht minder glaubwürdige Quelle, nämlich das Londoner Syrische „Observatorium“ für Menschenrechte, das etwas knauseriger ist und die Opfer mit 150 beziffert. Ändert freilich nichts an der Information als solcher.

Was bei dieser Nachricht etwas seltsam klingt, so sind es die Angaben über den unerbittlichen Beschuss des Dorfes. Man denkt: ein friedlicher Ort. Schläfrige Fliegen surren herum, würdige alte Männer in weißen Kaftanen sitzen auf den Bänken und gucken irgendwelchen Jungs beim Mopedfahren hinterher, junge Frauen in bunten Sachen mit Säuglingen auf den Armen. Was soll der schwere Beschuss, wenn es niemanden gibt, der nennenswerten Widerstand leisten könnte? Schamil Bassajew ist damals in Budjonnowsk ohne eigene Artillerie und Luftwaffe zum Zuge gekommen. Salman Radujew hat das dagestanische Kisljar auch nicht mit Panzerkeilen eingenommen, sondern dazu reichte ihm leichte Infanterie. In Tremseh aber wurde erst aus der Luft und aus Entfernung der Boden klargemacht.

Denn nimmt man andere Beispiele aus den russischen Tschetschenienkriegen (die in vielerlei Hinsicht an die momentane Situation innerhalb Syriens erinnern, außer, dass sie für Russland viel besser lokalisierbar waren als das große Wirkungsfeld der Terroristen in Syrien) – zum Beispiel den Sturm der Siedlung Komsomolskoje – ja, da musste das „Putin-Regime“ nun wieder die ganze Palette der oben aufgeführten Waffengattungen einsetzen: Buratinos, Luftwaffe, Panzer. Die einzige Besonderheit von Komsomolskoje war nur, dass es dort keine „friedlichen Zivilisten“ gab. Das heißt, nein, die gab es natürlich, aber gut gemischt mit anderthalb Tausend bewaffneter Banditen, von denen 1.200 dann letztlich auch dort geblieben sind. Hier war es logisch, schwere Waffen und Hubschrauber einzusetzen.

Wenn man dabei in Betracht zieht, dass die syrische Armee derzeit mit methodischen Säuberungsaktionen in den Provinzen Homs, Hama, Idlib und Aleppo beschäftigt ist, eine weitere „Hochburg“, nämlich Ar Rastan, umstellt und wahrscheinlich bald nach Homs dran ist, so sieht die ganze Situation schon ganz anders aus. Es ist unsinnig, so viel schwere Technik, Armee, Ressourcen – kurz: Kampfkraft – zur Inszenierung eines Massakers in ein kleines Dorf abzukommandieren. Wenn man aber die These zulässt, dass in Tremseh größere Rebelleneinheiten ausgehoben worden sind, so rückt alles an seinen Platz, so dass man diese Angaben einordnen kann.

Die syrische Regierung teilt indes relativ geringe Verluste innerhalb der Streitkräfte nach dieser Operation mit. Je nach Quelle, die man liest, 3 bis 5 Armeeangehörige. Zum Vergleich die oben bereits erwähnte Erstürmung von Komsomolskoje: auf (wieder: je nach Quelle) 500-1.200 liquidierte Banditen kamen ungefähr 50 getötete russische Armeeangehörige. Ein ähnliches Verhältnis wie jetzt in Tremseh – und gerade dazu, das Leben der Soldaten zu schützen, wurde Komsomolskoje vor der Erstürmung mit einem Hagel aus Feuer und Stahl vorbehandelt.

In Tremseh geht es also höchstwahrscheinlich um eine Operation zur Vernichtung von dort befestigten Rebellenbanden. Die jetzt überall kolportierte Version der Inszenierung eines Massakers mit dem Schabiha-Schreckgespenst wirkt sehr an den Haaren herbeigezogen, wenn man die Ereignisse in Hama und anderen Provinzen berücksichtigt. Bleibt zu warten, was weitere Dokumentationen bringen werden. Die ersten Bilder (vom Londoner „Observatorium“ veröffentlicht) zeigen rund 20 Leichen von durchaus erwachsenen Männern.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

von kaumi, einem (scheinbar) syrischen Foristen im Sarsura-Blog:

kaumi on 13. Juli 2012 at 13:49 schrieb:

“الحقيقة” تحصل على شريط يؤكد أن معظم القتلى المتوفرة صورهم هم من المسلحين الإسلاميين والوهابيين، واعتقال أحد أخطر زعماء الميليشيات الوهابية في المنطقة.. حسين الدباس

حماة ، الحقيقة (خاص من : مازن ابراهيم): أكدت معلومات ميدانية مستقلة حصلت عليها”الحقيقة” في ساعة متأخرة من هذه الليلة أن ما حصل في قرية”التريمسة” في ريف حماة يوم أمس “لم يكن مجزرة ، وإنما معركة حربية حقيقية بين طرفين عسكريين”.

Betreffs des o.g. “Massakers” gibt es lt. “Al Hakika-online” folgende Informationen:

Die Opfer sind das Ergebnis eines militärischen Gefechtes zwischen Einheiten der regulären syrischen Armee und bewaffneten Rebellen. Demnach sollen ca. 200-300 Kämpfer der “FSA” (übersetzt aus dem vollständigen Bericht) vor zwei Tagen das Dorf Al Tirimsa nahe Hama eingenommen haben und einige Bewohner, die im Verdacht stünden, Assad-Anhänger zu sein, hingerichtet haben. In den frühen Morgenstunden soll dann die Offensive der syrischen Einheiten begonnen haben. Unterstützt wird diese Nachricht durch Filmaufnahmen, die in überwältigender Mehrheit getötete Männer zeigen, die Bärte tragen und eher kurzgeschorene Haare hätten.
Weiterhin werden diese Aussagen dadurch untermauert, dass unter den “zivilen Opfern” der lokale Kommandeur einer “FSA-Einheit”, Hussein Al Dabbas, zu finden ist.

… sollte es weitere Detaills in die eine oder andere Richtung geben, werde ich nachberichten!

TomGard hat gesagt…

Die Weichenstellungen werden von Tag zu Tag klarer.
"Inner City Press" zitierte gestern eine ungenannte Quelle aus dem Sicherheitsrat "die nicht zu den Nuklearmächten" zählt, "die Fünf" verhandelten nurmehr die Modalitäten einer Aufteilung des Landes. Die Annahme einer Desinformation führt in direkten Widerspruch: Sie müßte die Kämpfe in genau die Richtung anheizen, die sie angibt, wäre also keine Desinformation.

Firas Tlass, Bruder von Manaf und angeblich Multimilliardär, hat sich gestern im "Hausblatt" der FSA, der saudischen Asharq Al-Awsat, durch die Blume in dieselbe Richtung ausgesprochen. Dazu winkte er sehr ostentativ mit einer "Hausmacht" in Syrien (im Unterschied zu Asaads türkischer Schwatzbude). Zu der zählten neben der berüchtigten Todesschwadron seines Cousins, der Al-Farouk - Brigade, weitere "45 Offiziere" aus seiner Familie. Es habe sich innerhalb Syriens eine "sehr starke Strömung" gegen das "Chaos auf beiden Seiten" erhoben, die bereit sei, "mit dem Regime zu verhandeln" - worüber verhandeln, ist dann sehr klar! Zumal Leute, die es wissen können, auch den "ehemaligen Regime - Hardliner" Nawaf Fares - Ex-Botschafter im Irak - zu der Verschwörung zählen, der sich in Qatar, wohin er schnurstracks reiste, kaum mit Firas geprügelt haben dürfte.

In gewisser Weise passt auch das "Massaker" und die Berichterstattung der usraelischen "enduringamerica" darüber in das Bild:
http://www.enduringamerica.com/home/2012/7/13/syria-and-beyond-live-coverage-a-new-massacre.html
Man könnte an eine Frontbereinigung in der Orontesebene, am Rande des Alavitengebirges denken, wozu auch das Narrativ passt, das Massaker sei von Zivilisten aus den umgebenden alavitischen Sidlungen verübt worden - "mit Messern", wie es in einer ersten Fassung hieß. Da mehrere entlegene Orte an einer kleinen Straße parallel zum Gebirgsrücken umkämpft sein sollen, paßt das - es paßte allerdings auch zu einem Ablenkungsmanöver. Aber macht das einen Unterschied?

apxwn hat gesagt…

Noch eine Frage: wozu "Schabiha", wenn die Armee vorher alles breitgeklopft hat? Können danach nicht reguläre Einheiten anrücken und die letzten Rebellennester ausheben? Wohlgemerkt kommt die Angabe darüber, es seien wieder einmal "alawitische Milizen" gewesen, von jemandem, der aus dem Dorf geflohen ist und sofort Gehör bei Al-Dschasira fand. Oder verfügt die "Schabiha" inzwischen über schwere Artillerie und Helikopter?

Wahrscheinlich soll die "Schabiha" als eine Art flüchtiges Monster aufgebaut werden, für Fälle, bei denen man der Armee nicht nachweisen kann, sie hätte Massaker unter Zivilisten angerichtet. Es ist wie mit dem legendären Pinguin. Man braucht ihn, um Assad, den angeblichen Herrn des Pinguins, trotzdem irgendwas vorwerfen zu können.

TomGard hat gesagt…

Der link "wissen können" zu dem Artikel in http://www.nowlebanon.com/NewsArticleDetails.aspx?ID=418443 in dem Fares ein "Krimineller" mit "Blut an den Händen" geheißen wird, wird beim Kopieren um [%22] ergänzt und arbeitet dann nicht mehr. -> direkt in Adressleiste eingeben

apxwn hat gesagt…

Hossa, hossa, wie kommt es denn dazu:

Freie syrische Armee: Fast alle Tremseh-Opfer sind Rebellen

Nach dem Massaker im syrischen Dorf Tremseh hat die oppositionelle Freie syrische Armee (FSA) eingestanden, dass es sich bei der Mehrheit der Todesopfer nicht um Zivilisten, sondern um bewaffnete Anti-Regierungs-Milizen handelt. In Tremseh wurden nicht wie zuvor berichtet 100, sondern sieben Zivilisten getötet.

Nach vorläufigen Angaben beträgt die Zahl der zivilen Todesopfer höchstens sieben, sagte ein FSA-Sprecher zur Agentur AFP. Bei den übrigen handle es sich um FSA-Mitglieder. Diese Angaben bestätigte auch die in London ansässige syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (OSDH).


Quelle: RIA Novosti

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