Freitag, 29. Juni 2012

Das Phantom der Tarnkappenflotte

„Momentan befinden sich zwei russische Kriegsschiffe und eine russische Fregatte im Hafen von Latakia“, sagte Masum Türker, der Führer der Demokratischen Linkspartei (DSP) heute in einem Interview mit TV8. „Eines davon, die „Admiral Tschabanenko”, ist mit der notwendigen Technologie ausgestattet, auch nur die geringste Bewegung im Luftraum zu detektieren.“
Türker sagte, dass das am 22. Juni abgeschossene türkische Jagdflugzeug von der „Admiral Tschabanenko“ getroffen wurde.
Masum Türker
Türker sagt also, nicht die Syrer, sondern die Russen hätten die Phantom abgeschossen. Sie sei also nicht vom Ufer mit einer FlaK, sondern von Bord eines Schiffs aus heruntergeholt worden.

Türker seinerseits bezieht sich auf ihm bekannte Diplomaten und Mitarbeiter des Auslandsgeheimdienstes.


Das wird immer interessanter.

Käme diese Nachricht von irgendeiner Witzfigur aus der syrischen „Opposition“, einschließlich Ghalioun oder Sieda, wäre sie keinen Pfifferling wert. Türker ist jedoch eine etwas andere Größe. Er gilt als Schüler und Erbe des Bülant Ecevit. Vor dem Hintergrund von mehreren Wahlniederlagen der CHP (also der Kemalisten), in deren Folge diese Partei in einer Art Starre verharrt, beansprucht die DSP des Masum Türker inzwischen die Rolle einer Plattform für alle politischen Kräfte der Türkei, die sich gegen einen „Neo-Osmanismus“ positionieren. Im Gegensatz zu dem hartlebigen proamerikanischen Tandem  Erdoğan-Gül hat Masum Türker zu den Amerikanern ein recht laues Verhältnis, orientiert sich dafür umso mehr Richtung Europäische Union. Und im Gegensatz zu den neo-osmanischen Kräften könnte er, sollte seine Partei irgendwann maßgeblich an der Regierung beteiligt sein, dieses Ziel auch eher erreichen als diese.

Mit anderen Worten, die Quelle ist schon einigermaßen seriös, es handelt sich um keinen Skandalmann und keinen extremistischen Spinner, sondern um einen Politiker, der gewisse Ambitionen hat und mit seiner Reputation normalerweise behutsam umgeht. Wenn er etwas verlauten lässt, guckt er sich vorher Richtung Brüssel um.

Aus dem, was er sagt, würde also folgen:

  • Russland hat sich bereits in den Konflikt eingebracht und eine „unfreundliche“, wenn nicht feindliche Aktion gegen die Türkei unternommen
  • … folglich also die NATO angekratzt
  • Erdoğan aber, damit auch das offizielle Washington, verbergen diesen Umstand vor der Öffentlichkeit, und das nach dem Treffen zwischen Putin und Obama
  • Syrien kaschiert die russische „Sünde“
  • die USA leisten mit ihrem stillschweigenden Einverständnis ihren Teil der Unterstützung.
Ob diese Information den Tatsachen entspricht, ist in der jetzigen Situation in und um Syrien gar nicht einmal vordergründig. Wichtiger ist, dass es sie gibt.

Wie kann man also die Aggressivität des türkischen Premiers, Recep Tayyip Erdoğan, gegen Syrien bewerten?

Von den NATO-Alliierten unterstützt, warnte Premierminister Recep Tayyip Erdoğan die syrischen Streitkräfte am Dienstag davor, das Grenzgebiet zur Türkei zu besetzen, da sie ansonsten mit einer militärischen Antwort der Türkei auf jede erkennbare Bedrohung zu rechnen hätten.

Wie zu erwarten war, ist die obige Äußerung des Masum Türker – unabhängig davon, wie exakt die ihm mitgeteilte Information war – eine Nachricht von den anonym gebliebenen, aber mit Nachdruck erwähnten „hochrangigen Militärs“ an den Premier. Das heißt, eine Botschaft der Armee, die bislang mit Ächzen und Stöhnen auf dem Rücken ihrer harten Kasten- und Clanethik die führermäßigen Eskapaden des Herrn Erdoğan ertragen musste, bis hin zur Abschaffung der noch von Atatürk stammenden Verfassungsklausel über die „besondere Rolle der Streitkräfte im Leben der Gesellschaft“ – in Erwartung dessen, dass Erdoğan der Türkei endlich Gelegenheit gibt, einen besonderen Einfluss in der gesamten Region vom Südkaukasus bis nach Ägypten auszuüben, ganz wie einstmals die Hohe Pforte. Den plötzlich angriffslustigen Äußerungen des Recep-Bei nach zu urteilen, hat er diese Botschaft verstanden.

Faktisch fordert er Syrien auf, die Kontrolle über die Grenze aufzugeben und damit den massenhaften Einfall von Ankara ausgebildeter Paramilitärs in eine „Pufferzone“ zuzulassen. Ansonsten… „Erzittert vor dem Zorn der Türken!“ (Zitat)

Kommentare:

TomGard hat gesagt…

Hochinteressant.
Ich möchte dazu die AP-Meldung mitteilen, die eigenartigerweise zwar von der Haaretz, aber gewissermaßen "demonstrativ" NICHT von NYT, Guardian oder einem anderen Sprachrohr dieser Ecke weitergegeben wurde.
Es handelt sich um eine unverstellte Erpressung, nicht wahr? "Wer nach Genf kommt, hat unseren 'Plan' zur Entfernung Assads und seiner Getreuen aus Syrien bereits unterschrieben, andernfalls soll er wegbleiben", würde ich den Klartext formulieren und in den hier paraphrasierten Zusammenhang stellen. Türkers Botschaft erginge in diesem Zusammenhang allerdings mehr an Russland, als an jemand anderen und hieße: 'Ihr riskiert eine furchtbare militärische Demütigung auf syrischem Gebiet, wenn ihr nicht einlenkt und mitmacht!'
Oder?

apxwn hat gesagt…

Sie erklärte das bis dato unbegreifliche Lavieren der türkischen Führung, erst Zugeben, Entschuldigung, dann alles bis hin zu den letzten aggressiven Drohungen gegen Syrien.

Türkers Botschaft hat m.E. vor allem innenpolitischen Charakter: die türkische Armee stampft mit den Füssen. Entweder er lässt sie in Ruhe und belässt bzw. restituiert ihre Privilegien, oder er lässt sie nach Süden marschieren, damit sie dort Ruhm und Ehre finden möge

Anonym hat gesagt…

Dieses Säbelrasseln ist erst der Anfang. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine entscheidende Bewegung in diesem Konflikt naht. Und damit meine ich nicht zwingend eine Deeskalation. Es könnte auch genau so gut in Richtung offenem Krieg zwischen der Nato und Syrien (Russland/China) kommen
Die mangelnde Bereitschaft Syriens sich angesichts des immensen westlichen Druckes einschüchtern zu lassen, kann nur bedeuten, dass die damaszener Führung ordentliche Rückendeckung eines potenten Verbündeten genießt. Ob es sich nun tatsächlich nur um die Russen handelt, kann momentan nicht beantwortet werden.
Die Geschichte des Abschußes der Phantom durch die Russen halte ich persönlich aber für sehr weit hergeholt.

Anonym hat gesagt…

Diese Meldung war mir vor einigen Tagen bereits untergekommen und ich habe sie hier (http://www.tageblatt.lu/nachrichten/story/14214035) erwähnt, hatte sie aber - Mangels genauer Kenntnisse der türkischen politischen Landschaft - eher als das blosse Gerede eines gegnerischen Politikers bzw als weitern Vernebelungsversuch abgetan. Dumm gelaufen :(

Anonym hat gesagt…

Eine interessante Analyse hat Tierry Meyssant auf seiner Voltaire-Seite geliefert. Er ist vor Ort.

http://www.voltairenet.org/Debakel-in-Syrien

Ob es die Russen selbst waren oder bereits an den gelieferten Raketen geschulte Syrer kommt m.E. auf's gleiche raus. Entscheidend ist, daß hier Rußland sagt, hier ist die rote Linie. Das Ganze ist für Rußland von entscheidender geostrategischer Bedeutung. Der Türkei kommt in dieser Situation sicher eine entscheidene Bedeutung zu. Sie sollte sich aber gerade in dieser gefährlichen Situation nicht zum Büttel der USA und Israels machen.

TomGard hat gesagt…

anon 00:21,
der Link zu diesem Artikel vom 11.4. - nach Dislozierung der UN-Besatzertruppe und einen Tag vor Inkrafttreten des UN-Feuereinstellungsbefehls an die syrischen Truppen - ist insofern eine feine Sache, als er den Lesern Gelegenheit gibt, die Schwächen (?) Tierry Meyssant's kennenzulernen. Ich setze das eingeklammerte Fragezeichen, weil ich mir schwer vorstellen kann, daß Meyssants Naivität echt ist, aber das spielt kaum eine Rolle.

Eine volle Dekonstruktion kommt an dieser Stelle nicht in Betracht, aber zwei Punkte sind rasch erledigt:
Schickt der UNSC eine Truppe, erklärt er den Zielstaat zum "failed state" in dessen Souveränität die UN (übergangsweise) eintrete.
Die UN-Truppen an Israels Grenzen sind das beste Beispiel: Sie sind notwendiges Inventar eines Außenpostens der Unterstürzermächte, der aus eigener Kraft außerstande ist, die Zumutungen militärisch abzusichern, die er seiner Umgebung auferlegt.

Zweitens mutete Tierry's "Analyse" dem Leser die Vorstellung zu, die in Dienst genommenen und militärisch ermächtigten MB, Salafi, Jihadisten, LIFG- und Al Qaeda-Berufsbanditen seien sowas wie gelegentlich über die Stränge schlagende Kinder des Imperiums, die das US-State Department bei Bedarf zum Kuschen aufruft und ihren Gehorsam findet, wenn es zugleich deren (und die eigenen) Feinde fesselt. Statt daß sie die Fesselung des Feindes sachgerecht als Auftrag nehmen, ihn niederzumachen.

Thierry kann dem Beobachter von Nutzen sein, indem spezifische Desinformation, die auf ein recht gut abgrenzbares Publikum zielt, etwas über ihre Agenda verrät. Aber das ist - abgesehen von gelegentlich frühzeitig über ihn geleakten Fakten, die mit dieser Taktik verdächtig gemacht werden - auch alles.

apxwn hat gesagt…

Sicher, die "Admiral Tschabanenko" befand sich an diesem Tag ca. 3.000 km entfernt an Dock in Seweromorsk (Quelle).

Zitat von dort: "Wir sind der türkischen Seite dankbar für die so hohe Meinung von den Möglichkeiten unserer Schiffe", ließ man im Flottenkommando nicht ohne Augenzwinkern gegenüber "KP" verlauten. "Die 'Admiral Tschabanenko' ist also, wie es aussieht, in der Lage, vom Dock in Seweromorsk, wo sie sich gerade befindet, über eine Entfernung von 3.000 Kilometern ein türkisches Flugzeug abzuschießen."

Der Kern dessen, was Türker da verlauten läßt, ist deshalb etwas anderes. Siehe oben.

Anonym hat gesagt…

@TomGard

Ich halte Tierry Meyssans für alles andere als naiv. Man muß ja nicht jede Einschätzung teilen, aber das Netzwerk Voltaire, welches er als Journalist geschaffen hat, anscheinend mal mit Kontakten zum französischen Geheimdienst und unter Sarkozy verfolgt ("Operation Sarkozy") und z.Zt. wohl im Nahen Osten ansässig, ist durch glaubwürdige Information und realistische Einschätzungen das Gegenstück zur "offiziellen" Desinformationskampagne von ARDZDFPhönixntv etc. und schluderner Presselandschaft. Von Berichterstattung kann in diesem Zusammenhang bei diesen Medien überhaupt nicht die rede sein.

Ich halte den Begriff eines "failed State" schon für zynisch und soll das Zugriffsrecht von USA/Nato usw. legitimieren helfen. Desweiteren haben sich diese Hilftruppen , in westlichen Medien als Rebellen oder gar Opposition bezeichnet, als Killertruppe entpuppt, die ihre Anschläge und Massaker verübt und anschließend wieder über die Grenze verschwinden.Selbst die USA haben zugegeben, schon vor eineiger zeit, daß sie diese Leute mit modernen Waffen versorgt hat.

TomGard hat gesagt…

anon 13:13,
Deinen Einwand zum Réseau Voltaire nehme ich an. Ich wollte meine Vorhaltungen nicht auf das Réseau, seine Mitarbeiter und die Beitragenden ausgedehnt wissen, habe das aber nicht gesagt.
Sorry

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